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Kulturfenster: Seneca: Moral Letters to Lucilius, Letter 71, „On the Supreme Good“, Abschnitte 2–3. Englische Übersetzung Richard M. Gummere, zugänglich über Wikisource. Englischer Satz in Abschnitt 3: “When a man does not know what harbour he is making for, no wind is the right wind.” Eigene deutsche Übersetzung. Die Verbindung zu Ausrichtung im Arbeitsalltag ist redaktionelle Deutung. https://en.wikisource.org/wiki/Moral_letters_to_Lucilius/Letter_71
ein Moment zwischen zwei Aufgaben
Die Türen schließen sich. Im Spiegel sieht sie den Rand ihres Ordners unter dem Arm. Darin liegen die Zahlen, die sie gleich vorstellen soll. Sie hat alles vorbereitet. Trotzdem geht sie im Kopf schon die Einwände durch.
Bei der letzten Besprechung hat Thomas sie zweimal unterbrochen. Beim zweiten Mal hat sie lauter gesprochen. Danach hatte sie sich geärgert, weil sie kaum noch wusste, was sie eigentlich sagen wollte.
Diesmal lässt sie sich das nicht gefallen.
Simone zieht den Ordner fester an sich. In ihrem Kopf beginnt ein Satz: Wenn du mich vielleicht einmal ausreden lassen würdest. Sie sieht auf die Anzeige. Dritter Stock.
Als sie Luft holt, spürt sie den Druck des Ordners an den Rippen. Sie lockert den Arm. Beim Ausatmen lässt sie ihn ein Stück sinken.
Eigentlich möchte sie die Sache erklären können. Und hören, was die anderen daran schwierig finden. Dafür hat sie sich die Mühe mit den Zahlen gemacht.
Die Anzeige springt auf die Vier. Simone denkt an ihren Vorsatz, in Gesprächen klarer zu werden. Bisher hat das meist bedeutet, schneller mit einer Antwort zu sein. Heute könnte es heißen, ihren Gedanken erst einmal zu Ende auszusprechen.
Die Türen öffnen sich im fünften Stock. Ein Mann mit einem Paket steigt ein. Simone rückt zur Seite. Er nickt ihr zu und drückt auf die Acht.
Sie stellt den Ordner auf die andere Hand. Der Satz, den sie gleich sagen könnte, ist jetzt kürzer: Ich würde den Punkt gern noch zu Ende erklären.
Im sechsten Stock steigt sie aus. Vor dem Besprechungsraum bleibt sie kurz stehen, um die Unterlagen zu ordnen. Drinnen rückt jemand einen Stuhl zurecht.
Thomas blickt auf, als sie hereinkommt. „Bei deinen Zahlen habe ich gleich eine Frage.“
Simone merkt, wie sie die Schultern anspannt.
„Gut“, sagt sie und legt den Ordner auf den Tisch. „Ich würde euch erst kurz zeigen, wie ich darauf komme. Danach gehen wir die Fragen durch. Passt das?“
Thomas lehnt sich zurück. „Wenn es kurz bleibt.“
Sie spürt den Impuls, etwas darauf zu erwidern. Dann schlägt sie die erste Seite auf und dreht sie so, dass die anderen sie sehen können.
Sich an die eigene Richtung erinnern
„Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind der richtige.“
Seneca · Briefe an Lucilius, Brief 71, Abschnitt 3 · Stoische Philosophie · eigene Übersetzung nach Richard M. Gummere
Im ursprünglichen Zusammenhang geht es Seneca um das höchste Gut und eine Lebensführung, die sich an der Tugend orientiert. Einzelne Vorhaben sollen zu dieser übergeordneten Ausrichtung passen. Für unseren heutigen Alltag lässt sich daraus die Frage mitnehmen, woran wir unser Handeln messen möchten. Diese Übertragung auf Simones Aufzugfahrt ist unsere redaktionelle Deutung: Sie weiß genau, in welches Stockwerk sie will. Welche Haltung sie in den Raum mitnehmen möchte, ist eine andere Frage.
Simone ist vorbereitet. Sie hat die Zahlen zusammengestellt, ihren Termin im Blick und schon die nächste Zusage gegeben. Ihr Tag hat klare Ziele. Trotzdem gerät im Aufzug fast aus dem Blick, weshalb sie das Gespräch führen möchte.
Hier liegt das menschliche Dilemma: Aktivität ersetzt nicht Orientierung. Du kannst viele Aufgaben erledigen und dabei immer seltener bemerken, welche Art des Handelns du stärken möchtest. Die nächste Anforderung ist konkret und dringend. Die Frage nach deiner Richtung scheint dagegen warten zu können.
Bei Simone übernimmt zunächst die Erinnerung an die letzte Besprechung. Sie will vermeiden, wieder unterbrochen zu werden. Noch bevor das neue Gespräch begonnen hat, führt sie innerlich schon den alten Streit weiter. Das ist verständlich: Sie möchte mit ihrer Arbeit ernst genommen werden. Gleichzeitig verengt sich ihr Vorhaben auf die Abwehr einer erneuten Kränkung.
Vielleicht kennst du solche Übergänge zwischen zwei Aufgaben. Du gehst in ein Gespräch und hast gedanklich bereits Stellung bezogen. Oder du sagst etwas zu, weil du das zuverlässig erledigen kannst, ohne zu prüfen, ob du dafür gerade Raum hast. Beschäftigtsein gibt dem Tag einen Ablauf. Ob dieser Ablauf zu dem passt, was dir wichtig ist, wird damit noch nicht beantwortet.
Die eigentliche Übung ist ein kurzes Innehalten zur Ausrichtung. Simone bemerkt beim Atmen den Ordner an ihren Rippen und lockert den Arm. Dadurch bekommt sie einen konkreten Kontakt zu dem Moment, in dem sie gerade steht. Von dort richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf das, worum es ihr im Gespräch geht.
Das erforschte Prinzip lautet: Ich kann mein nächstes Handeln mit einer bewusst gewählten Richtung verbinden. Die Fragen aus dieser Urban-Yoga-Praxis sind dafür weit genug, um etwas zu öffnen: Wohin möchte ich mich entwickeln? Welche Bedingungen möchte ich schaffen?
In einer kurzen Aufzugfahrt müssen daraus keine Antworten für ein ganzes Leben entstehen. Simone erinnert sich an ihren Wunsch, in Gesprächen klarer zu werden. Für die nächste Besprechung bedeutet das: Sie möchte ihren Gedanken verständlich zu Ende führen und anschließend zuhören können. Dazu passt eine konkrete Bedingung, um die sie bitten kann: erst eine kurze Erklärung, dann die Fragen.
Hier wird der Unterschied zwischen Ziel und Richtung erfahrbar. Die Zahlen vorzustellen ist eine Aufgabe, die irgendwann erledigt ist. Klar und respektvoll zu sprechen kann Simone auch in weiteren Gesprächen üben. Diese Richtung ist an keine einzelne gelungene Besprechung gebunden.
Du könntest dich ebenso fragen, ob du heute Verlässlichkeit, Mut, Sorgfalt oder Zuwendung stärken möchtest. Entscheidend ist, was du selbst als bedeutsam erkennst und wie das in der nächsten Situation aussehen könnte. Ausrichtung bekommt im Alltag Gestalt, wenn aus einem wichtigen Anliegen eine kleine, mögliche Handlung wird.
Simones Schultern spannen sich an, als Thomas sie anspricht. Auch seine knappe Antwort gefällt ihr nicht. Die kurze Pause im Aufzug hat diese Reaktionen nicht verschwinden lassen. Sie kann sie wahrnehmen und zugleich bei ihrer gewählten Vorgehensweise bleiben.
Die innere Qualität dieser Übung ist Differenzierungsvermögen: genauer unterscheiden zu lernen, was dich gerade bewegt. Möchtest du etwas erklären oder dich verteidigen? Brauchst du eine Grenze, mehr Zeit oder eine Information? Mehrere Anliegen können zugleich berechtigt sein. Du musst sie nicht sofort vollständig sortieren.
Körperempfindungen können dabei Hinweise geben. Ein enger Griff oder hochgezogene Schultern machen vielleicht Anspannung bemerkbar. Sie liefern aber keine fertige Antwort darauf, was richtig ist. Auch eine wichtige, stimmige Entscheidung kann sich zunächst unangenehm anfühlen. Wahrnehmung und Nachdenken dürfen deshalb zusammenwirken.
Zudem liegt der Verlauf des Gesprächs nicht allein bei Simone. Sie kann eine Bitte äußern und die Unterlagen verständlich zeigen. Ob Thomas ihr zuhört, entscheidet sie nicht. Ausrichtung bedeutet hier, den eigenen Anteil bewusst zu gestalten und anschließend wahrzunehmen, was tatsächlich möglich ist.
Vielleicht möchtest du beim nächsten kurzen Übergang einen natürlichen Atemzug wahrnehmen und spüren, wie du gerade stehst oder sitzt. Das kann im Aufzug sein, vor einer Tür oder zwischen zwei Terminen. Du brauchst deinen Atem dafür nicht zu verändern.
Dann könntest du eine der beiden Fragen mitnehmen: Wohin möchte ich mich entwickeln? Oder: Welche Bedingungen möchte ich schaffen? Lass sie auf die nächste Situation bezogen klein werden. Vielleicht taucht ein Wunsch auf, etwas genauer zu erklären, zuzuhören oder rechtzeitig um Unterstützung zu bitten. Auch eine zunächst offene Frage darf bleiben.
Wenn sich daraus eine kleine Handlung ergibt, kannst du sie ausprobieren. Wenn du mehr Zeit brauchst, könntest du den Gedanken später aufschreiben. Eine kurze Fahrt muss keine Entscheidung erzwingen.
Simone hat beim Öffnen der Aufzugtür noch dieselben Unterlagen unter dem Arm. Im Besprechungsraum dreht sie die erste Seite zu den anderen. Sie beginnt mit einer Handlung, die zu der Art des Gesprächs passt, die sie führen möchte.
Deine nächste Handlung kann eine Richtung ausdrücken, die dir wichtig ist.
asanam · Urban Yoga |
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