Dein Ratgeber über Yoga

Einen Moment ankommen

Redaktionelle Angaben

Geschichte und Figuren sind erfunden. Der Artikel lädt zur persönlichen Erfahrung ein. Beschrieben wird eine freiwillige Alltagspraxis mit drei bewussten Atemzügen und Aufmerksamkeit für die Bedingungen einer gemeinsamen Arbeitssituation. Es werden keine wissenschaftlichen Wirkungsbehauptungen aufgestellt.

Quellen und Zuordnung
Kulturfenster und ursprünglicher Zusammenhang: Bodhi Sutta, Udāna 1.1, englische Übersetzung von Ṭhānissaro Bhikkhu: „Awakening (1)“, dhammatalks.org. Der zitierte Satz lautet dort „When this is, that is.“ Eigene deutsche Übersetzung. Der Text entfaltet anschließend bedingtes Entstehen anhand der Bedingungen für Leiden. Die Betrachtung von Arbeitsmitteln und Beiträgen anderer ist eine heutige redaktionelle Übertragung, keine Zusammenfassung der gesamten buddhistischen Lehre. Abgerufen am 19. Oktober 2026. https://www.dhammatalks.org/suttas/KN/Ud/ud1_1.html

Mit offenen Fragen gemeinsam weitergehen

Noch zwei Minuten. Nele stellt ihre Tasse neben den Laptop und zieht den Stuhl an den Tisch. Auf dem Bildschirm steht die Antwort, die sie vorhin nicht mehr abgeschickt hat. Sie liest den letzten Satz. Dann setzt sie den Cursor dahinter.
„Morgen“, sagt jemand an der Tür.
„Morgen“, sagt Nele, ohne aufzusehen.
Wenn sie jetzt noch schreibt, dass die Zahlen schon gestern hätten da sein müssen, ist wenigstens das geklärt. Ihre Finger liegen auf den Tasten. Im Flur klappert ein Wagen, die Tür fällt zu. Neben ihr zieht jemand einen Stuhl zurück.
Nele schaut auf. Maja sitzt bereits mit einem aufgeschlagenen Heft am Tisch. Sie hat Nele gerade etwas gefragt.
„Entschuldige. Was hast du gesagt?“
„Ob du Wasser möchtest.“
„Ja. Danke.“
Während Maja die Flasche öffnet, nimmt Nele die Hände von der Tastatur. Sie schiebt den Laptop ein Stück zur Seite und lehnt sich an. Erst jetzt merkt sie, wie weit vorn auf der Stuhlkante sie gesessen hat.
Sie atmet ein und wieder aus. Unter ihren Schuhen ist der Boden fest. Beim nächsten Atemzug spürt sie die Lehne am Rücken. Draußen schiebt eine Wolke ihren Schatten über die Fenster. Ein dritter Atemzug. Die Mail ist ihr noch im Kopf.
Am Tischbein klebt ein gelber Streifen über dem Kabel zum Bildschirm. Den hat Maja letzte Woche angebracht, nachdem zwei Leute beinahe darüber gestolpert waren. Nele fährt mit dem Schuh ein Stück zurück, damit sie nicht daran hängen bleibt.
Auf dem großen Bildschirm erscheint Tamir. Zuerst sieht man nur seinen Ärmel, dann rückt er die Kamera zurecht. Er sitzt heute beim Kunden. Die Tabelle, über die sie gleich sprechen werden, hat er unterwegs ergänzt.
Maja stellt Nele das Glas hin. „Mit oder ohne Sprudel war jetzt gar keine Frage“, sagt sie.
„Passt so.“ Nele lächelt kurz. Sie nimmt einen Schluck. Das Wasser prickelt an ihrem Gaumen.
Dann öffnet sie die Tabelle. Bei einer Zahl steht noch ein Fragezeichen. Der Ärger zieht wieder an. Sie notiert die Zeilennummer auf ihrem Block.
„Hört ihr mich?“, fragt Tamir.
„Ja“, sagt Nele und sieht zum Bildschirm. „Du bist gut zu hören.“
Sie rückt ihr Glas vom Kabel weg und legt den Stift neben die notierte Zahl.

Den gemeinsamen Moment wahrnehmen

Ein früher buddhistischer Text lädt dazu ein, auf Bedingungen zu achten. Im Bodhi Sutta, einem Text aus der Sammlung Udāna, steht die knappe Formel:
„Wenn dieses ist, ist jenes.“
Bodhi Sutta · Udāna 1.1 · frühe buddhistische Tradition · eigene Übersetzung nach Ṭhānissaro Bhikkhus englischer Fassung
Im ursprünglichen Zusammenhang geht es um abhängiges Entstehen: Der Text beschreibt, unter welchen Bedingungen Leiden entsteht. Die Übertragung auf ein Meeting ist unsere redaktionelle Deutung und greift einen einzelnen Gedanken daraus auf: Dieser Moment hat Voraussetzungen. Als Nele das befestigte Kabel und Tamirs Tabelle wahrnimmt, bemerkt sie Beiträge anderer, die in ihrem Arbeitsmorgen leicht unsichtbar bleiben.

Schon am Tisch und innerlich noch unterwegs

Nele sitzt im Besprechungsraum, während sie gedanklich noch eine Mail zu Ende schreibt. Ihr Gruß erreicht die Kollegin beinahe nebenbei. Erst die überhörte Frage nach dem Wasser macht ihr deutlich, dass sich um sie herum bereits etwas anderes abspielt.
Darin liegt das menschliche Dilemma dieser Übung: Anwesenheit und Präsenz können auseinanderfallen. Du bist am richtigen Ort, doch deine Aufmerksamkeit beschäftigt sich noch mit dem vorigen Termin oder springt schon zum nächsten. Von außen sieht der Übergang abgeschlossen aus. Innerlich geht das Gespräch von eben weiter.
Vielleicht möchtest du die kurze Lücke vor einem Meeting sinnvoll nutzen. Eine schnelle Antwort erscheint machbar, und die Aufgabe wäre dann vom Tisch. Manchmal ist das tatsächlich hilfreich. Manchmal nimmst du damit den Faden der alten Situation erneut auf und bemerkst erst später, dass die neue schon begonnen hat.
Nele braucht keine vollkommen leeren Gedanken, um diesen Unterschied wahrzunehmen. Die Mail bleibt ihr im Kopf. Sie unterbricht lediglich das Schreiben und sieht auf. Dadurch kann sie bemerken, wo sie sitzt und mit wem sie gleich arbeiten wird. Präsenz meint hier dieses bewusste Dasein in der gegenwärtigen Situation, auch wenn noch Unruhe mit am Tisch sitzt.
Urban Yoga nimmt den Übergang als Gelegenheit zum Erkunden. Du kannst wahrnehmen, was du aus dem Vorherigen mitbringst, und dem nächsten Abschnitt einen eigenen Anfang geben. Ein Moment des Ankommens muss dabei keine weitere Aufgabe werden, die du vor dem Meeting noch erfolgreich erledigen sollst.

Durch Verbundenheit im Moment ankommen
Der entscheidende Blickwechsel führt Nele über ihre eigenen Gedanken hinaus. Sie spürt zunächst den Stuhl und den Boden. Dann sieht sie den gelben Klebestreifen. Dieser kleine Handgriff von Maja gehört zu den Bedingungen, unter denen sie jetzt zusammensitzen können. Ebenso Tamirs Arbeit an der Tabelle und die Technik, über die er teilnehmen kann.
Das zentrale Prinzip lautet hier: Ankommen durch Verbundenheit. Du richtest deine Aufmerksamkeit darauf, was diesen Augenblick ermöglicht. Ein Gegenstand kann dabei zum Hinweis auf eine Beziehung werden. Das Kabel liegt dort, weil es jemand verlegt hat. Die Zahlen stehen bereit, weil jemand sie zusammengetragen hat. Hinter dem fertigen Raum liegen Tätigkeiten, die während des Meetings kaum noch auffallen.
Du musst dafür keine vollständige Entstehungsgeschichte verfolgen. Schon ein konkreter Beitrag kann genügen, um dich wieder auf den Zusammenhang einzulassen, in dem du gerade handelst. Aus dem inneren Gefühl, allein mit einer langen Liste von Anforderungen zu sein, könnte für einen Moment eine weitere Wahrnehmung entstehen: Andere haben bereits etwas beigetragen, und auch ich bin beteiligt.
Vielleicht fühlst du dich dabei unterstützt. Vielleicht bemerkst du zunächst, wie viel du gewöhnlich voraussetzt. Dankbarkeit kann auftauchen, sie ist jedoch keine Aufgabe dieser Praxis. Auch die Menschen und Arbeitsbedingungen, die dich belasten, gehören zum Zusammenhang. Verbundenheit zu erkunden bedeutet nicht, alles gutheißen zu müssen.
Nele ist weiterhin verantwortlich für ihre offenen Fragen. Sie kann zugleich sehen, dass das Meeting durch mehrere Menschen und deren Arbeit zustande kommt. Die innere Qualität, die daraus entstehen kann, ist Präsenz: Sie nimmt ihren Platz in dieser konkreten Situation bewusster wahr. Die drei Atemzüge geben ihr dafür einen kurzen zeitlichen Rahmen. Sie sind kein Maß dafür, wie schnell du angekommen sein solltest.

Mit offenen Fragen gemeinsam weitergehen
Die Zahl mit dem Fragezeichen ärgert Nele noch immer. Daran zeigt sich eine Grenze der kleinen Pause. Sie löst weder die Unklarheit in der Tabelle noch die Frage, warum die Informationen spät gekommen sind. Sie kann Nele aber Gelegenheit geben, die nächste Handlung bewusster zu wählen. Zunächst notiert sie die Zeile, die sie besprechen möchte.
So lässt sich der Blick auf Bedingungen auch in die Zusammenarbeit mitnehmen. Du kannst eine Lücke benennen und nachfragen, was noch fehlt. Dabei bleibt sichtbar, dass du nur einen Teil der Situation kennst. Tamir hat unterwegs gearbeitet; welche Schwierigkeiten es dabei gab, weiß Nele noch nicht. Aufmerksamkeit für seinen Beitrag und eine klare Rückfrage können nebeneinander Platz haben.
Ob ein Meeting dadurch anders verläuft, bleibt offen. Zu viele Termine, fehlende Zuständigkeiten oder unrealistische Fristen brauchen auch organisatorische Antworten. Eine persönliche Pause nimmt dir diese Fragen nicht ab. Sie bietet einen möglichen Anfang, von dem aus du dich mit den anderen um das kümmern kannst, was ansteht.

Drei Atemzüge für deine eigene Erfahrung

Vielleicht möchtest du vor einem nächsten Meeting für drei Atemzüge die Hände von der Tastatur nehmen. Du kannst den Atem so kommen und gehen lassen, wie es angenehm ist, und dabei kurz den Kontakt zum Stuhl oder zum Boden bemerken. Es ist auch in Ordnung, wenn deine Gedanken noch mit etwas anderem beschäftigt sind.
Lass deinen Blick anschließend auf etwas ruhen, das diesen gemeinsamen Moment ermöglicht. Vielleicht siehst du eine vorbereitete Unterlage oder einen Menschen, der gerade die Verbindung herstellt. Du könntest dir für einen Augenblick vergegenwärtigen, welcher Beitrag darin steckt. Eine Sache genügt; du brauchst weder Ruhe noch Dankbarkeit herzustellen.
Wenn das Meeting beginnt, wende dich dem zu, was jetzt geschieht. Vielleicht hat sich etwas an deinem Erleben verändert. Vielleicht bemerkst du vor allem, wie viel du noch mitbringst. Auch von dort aus kannst du teilnehmen und bei Gelegenheit wieder aufsehen.
Unter Neles Tisch liegt das Kabel noch immer unter dem gelben Streifen. Auf ihrem Block steht die offene Zeilennummer. Tamir beginnt zu erzählen, was er beim Kunden erfahren hat.
Du kannst mit offenen Aufgaben ankommen und die Beiträge anderer wahrnehmen.

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