Dein Ratgeber über Yoga

Achtsam essen

Redaktionelle Angaben

Redaktioneller Hinweis: Geschichte und Figuren sind erfunden. Der Artikel lädt zur persönlichen Erfahrung ein. Er enthält keine wissenschaftlichen Wirkungsbehauptungen oder Ernährungsempfehlungen. Quellen und Zuordnung Kulturfenster: Japanische Botschaft in Großbritannien / japanisches Außenministerium: Creative Japan – Traditional Japanese Cuisine. Die Seite nennt „Itadakimasu“ vor dem Essen, übersetzt es mit „I humbly receive this food“ und erläutert Dankbarkeit gegenüber Zubereitenden und den Lebewesen, aus denen die Mahlzeit besteht. Die deutsche Bedeutungsangabe ist eine sinngemäße Übertragung; die Verbindung zu Jonas’ Pause eine redaktionelle Deutung. https://www.uk.emb-japan.go.jp/en/creativejapan/food/japanesecuisine.html Psychologischer Begriff Savoring: Fred B. Bryant (2021): Current Progress and Future Directions for Theory and Research on Savoring. Frontiers in Psychology 12, 771698. DOI: 10.3389/fpsyg.2021.771698. Insbesondere die Abschnitte „Evolution of the Conceptual Definition of Savoring“ und „The Ways of Savoring Checklist“. Verwendet zur Begriffserklärung und zur Einordnung bewusster Aufmerksamkeit und des Teilens angenehmer Erfahrungen; keine Ableitung einer garantierten Wirkung der vorgeschlagenen Alltagspraxis. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2021.771698/full

den ersten Bissen wieder genießen

Die Gabel liegt schon auf dem Teller, als Jonas den Laptop ein Stück zur Seite schiebt. Die Nudeln hat er vorhin in der Büroküche aufgewärmt. Jetzt muss er nur noch rasch die Nachricht an seine Kollegin fertig schreiben. Während er den letzten Satz liest, dreht er die ersten Nudeln auf. Er kaut, löscht ein Wort und setzt ein anderes ein. Die Tomatensoße ist heiß. Er schluckt und greift zum Wasserglas. „Ist hier noch frei?“ Mara steht mit einer Brotdose neben dem Tisch. Jonas nimmt seine Tasche vom zweiten Stuhl. Sie setzt sich und öffnet den Deckel. Darin liegen Brot, Käse und eine Birne. Jonas schickt die Nachricht ab. Sofort erscheint eine neue. Er überfliegt die Betreffzeile. Vor ihm ist eine Nudel auf die Tischplatte gefallen. Als er sie mit der Gabel aufheben will, hinterlässt sie einen roten Streifen. Er holt eine Serviette. Dabei sieht er, dass der Teller bereits zur Hälfte leer ist. „Du bist ja schnell“, sagt Mara. „Um eins geht’s weiter.“ Er schaut auf die Uhr. Zwölf Uhr vierzig. Er hatte mit weniger Zeit gerechnet. Jonas wischt die Soße vom Tisch. Dann zieht er den Teller ein Stück näher und klappt den Laptop zu. Die Lüftung summt noch einen Moment nach. Aus der Küche hört man Wasser laufen. Auf der nächsten Gabel hängt ein kleines Stück Zucchini. Er lässt es kurz abkühlen und nimmt den Bissen. Die Nudeln sind weicher geworden als gestern. Am Rand der Zucchini schmeckt er etwas Geröstetes. Dann kommt die Säure der Tomaten dazu. Er legt die Gabel hin, um das Wasserglas zu nehmen. Eigentlich schmeckt die Soße heute ganz gut. „Was ist drin?“, fragt Mara. „Tomaten, Zucchini. Und das, was vom Wochenende noch da war.“ Sie schneidet die Birne in zwei Hälften. Jonas nimmt einen weiteren Bissen. Während er kaut, fällt ihm die neue Nachricht wieder ein. Die Hand liegt schon neben dem Laptop. Er lässt sie dort und hört Mara zu, die von ihrem morgendlichen Kampf mit dem Fahrradschloss erzählt. Kurz vor eins öffnet er den Rechner wieder. Im Teller ist noch etwas Soße. Er zieht das letzte Nudelstück hindurch und hebt es mit der Gabel auf.

Dem Genuss einen Platz geben

Ein kurzer Ausdruck aus der japanischen Esskultur lenkt den Blick auf den Moment, bevor wir zu essen beginnen. Viele Menschen sagen vor einer Mahlzeit: „Itadakimasu.“ Japanische Wendung vor dem Essen · sinngemäß auf Deutsch: Ich nehme diese Nahrung demütig entgegen In dieser Wendung kommt Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die das Essen zubereitet haben, und den Lebewesen, aus denen die Mahlzeit besteht, zum Ausdruck. Für unsere heutige Geschichte lässt sich daraus ein Gedanke mitnehmen: Was vor uns steht, verdient einen Moment der Zuwendung. Diese Übertragung ist unsere redaktionelle Deutung. Jonas’ Mittagessen ist längst bereit. Ob er auch etwas von seinem Geschmack mitbekommt, entscheidet sich erst beim Essen.
Genuss braucht einen Moment deiner Aufmerksamkeit Damit ist das Prinzip angesprochen, das dieser Artikel erforscht: Genuss braucht Aufmerksamkeit. Gemeint ist die Möglichkeit, einem angenehmen Eindruck so viel Zuwendung zu geben, dass du ihn bewusst auskosten kannst. Jonas verändert zunächst nichts an seinem Essen. Er nimmt einen weiteren Bissen von denselben Nudeln. Diesmal bemerkt er die weiche Beschaffenheit, das Geröstete an der Zucchini und die Säure der Tomaten. Dann kommt der Gedanke hinzu: Eigentlich schmeckt die Soße heute ganz gut. Er nimmt auch wahr, dass er etwas daran mag. Das ist der entscheidende Übergang vom Aufnehmen zum Auskosten. Du kannst essen und dabei fast ausschließlich mit etwas anderem beschäftigt sein. Du kannst aber auch für einen Moment beim Geschmack bleiben und bemerken, was daran angenehm ist. Die Mahlzeit wird dadurch Teil deiner bewusst erlebten Pause. In der Positiven Psychologie heißt das bewusste Auskosten angenehmer Erfahrungen Savoring. Der Psychologe Fred Bryant beschreibt dabei die aufmerksame Wahrnehmung positiver Gefühle und den bewussten Umgang mit ihnen. Dazu kann gehören, einen angenehmen Eindruck etwas länger auf sich wirken zu lassen oder die Freude darüber mit jemandem zu teilen. Auf unsere Geschichte übertragen, beginnt dieses Auskosten bei Jonas mit seinem kleinen Gefallen an der Soße. Die Frage der Praxis lautet deshalb: Was geschieht, wenn ich einem Bissen einen Moment Aufmerksamkeit gebe? Vielleicht entfaltet sich ein Geschmack, den du sonst übergangen hättest. Vielleicht merkst du, dass dir etwas gar nicht schmeckt. Achtsames Wahrnehmen lässt auch diese Erfahrung zu; Genuss entsteht daraus nicht automatisch. Und auch die Qualität des Essens, dein Hunger, deine Stimmung und die Umstände der Mahlzeit spielen eine Rolle. Du brauchst dafür kein langsames Essen nach festen Regeln. Ein kurzer Moment, in dem du etwas Angenehmes bemerkst und dabei verweilst, kann bereits der Versuch sein. Bei Jonas hat danach auch das Gespräch mit Mara Platz. Die Aufmerksamkeit darf zwischen dem Essen und der Begegnung wechseln.

Wir wünschen uns Genuss und gehen an ihm vorbei

Jonas hat für sein Mittagessen gesorgt. Er hat die Nudeln mitgebracht, aufgewärmt und sich damit an den Tisch gesetzt. Die Gelegenheit zu einer angenehmen Pause ist vorhanden. Trotzdem wird er erst aufmerksam, als der Teller schon zur Hälfte leer ist.
Hier zeigt sich das menschliche Dilemma dieser Geschichte: Wir wünschen uns mehr Lebensfreude und übergehen zugleich manche Gelegenheit, sie zu erfahren. Wir freuen uns auf den Feierabend, das nächste Restaurant oder das Wochenende. Das Mittagessen vor uns wird währenddessen zwischen zwei Nachrichten erledigt. Wir nehmen etwas zu uns, das uns Freude bereiten könnte, und sind kaum dabei, wenn es geschieht.
Vielleicht kennst du das auch von anderen angenehmen Dingen. Ein Lied läuft, auf das du dich gefreut hast, doch du hörst kaum hin. Du sitzt mit einem Getränk am Fenster und planst bereits, was du danach erledigen musst. Die angenehme Gelegenheit ist da; deine Aufmerksamkeit folgt einer anderen Aufgabe.
Bei Jonas hat das einen nachvollziehbaren Grund. Die Nachricht soll fertig werden, der nächste Termin steht an. Aufmerksam zu essen konkurriert mit dem Wunsch, zuverlässig zu sein und voranzukommen. Die Arbeit scheint dringlicher als der Geschmack einer Tomatensoße. So kann das, worauf wir uns eigentlich freuen, im Alltag immer wieder an die zweite Stelle rücken.
Urban Yoga lädt dazu ein, diese Verschiebung zu bemerken. Du musst dafür die Aufgaben nicht erst abschließen. Du kannst erkunden, ob innerhalb einer gewöhnlichen Mahlzeit etwas von der Pause erfahrbar wird, die du dir ohnehin gewünscht hast. Jonas beginnt damit, den Teller näher zu ziehen und den Laptop für eine Weile zu schließen.

Dankbarkeit beginnt beim erlebten Wert Wenn Jonas seine Soße schmeckt und sie ihm gefällt, bekommt das Mitgebrachte einen Wert, den er eben noch übergangen hat. Vielleicht entsteht daraus der Gedanke: Gut, dass ich mir dieses Essen gemacht habe. Dankbarkeit kann hier an eine unmittelbare Erfahrung anknüpfen. Damit schließt sich der Bogen zu Itadakimasu. Die japanische Wendung würdigt das Empfangene vor dem Essen. In unserer Geschichte entdeckt Jonas etwas Schätzenswertes beim Essen selbst. Diese beiden Zugänge sind verschieden und können einander ergänzen: Du kannst eine Mahlzeit würdigen und dir zugleich Gelegenheit geben, sie zu erleben. Dankbarkeit bleibt dabei eine mögliche Empfindung. Du musst sie deinem Bissen nicht hinzufügen. Vielleicht reicht es heute, einen Geschmack zu mögen. Auch darin liegt eine kleine Antwort auf das Dilemma der Geschichte: Etwas Angenehmes wird bemerkt, während es da ist.
Ein Bissen für deine eigene Erfahrung Vielleicht möchtest du bei einer nächsten Mahlzeit einem Bissen etwas Aufmerksamkeit schenken. Das kann der erste sein oder einer mitten im Essen, wenn du gerade daran denkst. Du könntest für diesen Moment den Blick vom Bildschirm lösen und bemerken, wie der Bissen schmeckt. Falls du etwas daran magst, lass diesen Eindruck einen Augenblick bei dir bleiben. Du brauchst ihn weder zu verstärken noch festzuhalten. Vielleicht ist es nur die Wärme oder ein vertrauter Geschmack. Vielleicht bleibt die Erfahrung unspektakulär. Danach darf die Mahlzeit ganz gewöhnlich weitergehen. Als Jonas kurz vor eins das letzte Nudelstück durch die Soße zieht, ist seine Arbeit noch da. Aber vom Mittagessen wird ihm diesmal vielleicht mehr bleiben als der rote Streifen auf dem Tisch. Was dir Freude macht, darf auch einen Moment deiner Aufmerksamkeit bekommen.

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