Dein Ratgeber über Yoga

Bildschirmpause

Redaktionelle Angaben

Redaktioneller Hinweis: Beschrieben wird eine Alltagspraxis des offenen Gewahrseins. Es werden keine gesundheitlichen Wirkungen oder eine Steigerung der Kreativität behauptet. Quellen und Zuordnung Kulturfenster: Japanische Botschaft in Großbritannien / japanisches Außenministerium: Creative Japan – Traditional Japanese Cuisine. Die Seite nennt „Itadakimasu“ vor dem Essen, übersetzt es mit „I humbly receive this food“ und erläutert Dankbarkeit gegenüber Zubereitenden und den Lebewesen, aus denen die Mahlzeit besteht. Die deutsche Bedeutungsangabe ist eine sinngemäße Übertragung; die Verbindung zu Jonas’ Pause eine redaktionelle Deutung. https://www.uk.emb-japan.go.jp/en/creativejapan/food/japanesecuisine.html Psychologischer Begriff Savoring: Fred B. Bryant (2021): Current Progress and Future Directions for Theory and Research on Savoring. Frontiers in Psychology 12, 771698. DOI: 10.3389/fpsyg.2021.771698. Insbesondere die Abschnitte „Evolution of the Conceptual Definition of Savoring“ und „The Ways of Savoring Checklist“. Verwendet zur Begriffserklärung und zur Einordnung bewusster Aufmerksamkeit und des Teilens angenehmer Erfahrungen; keine Ableitung einer garantierten Wirkung der vorgeschlagenen Alltagspraxis. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2021.771698/full

den Blick wieder weiten

Zum vierten Mal liest David denselben Absatz. Der Einstieg in die Präsentation klingt immer noch falsch. Zu umständlich. Oder zu knapp. Er markiert einen Satz, verschiebt ihn und setzt ihn wieder an die alte Stelle. Neben der Tastatur steht eine kalte Tasse Kaffee. David hebt sie an, merkt am Gewicht, dass sie fast leer ist, und stellt sie zurück. Auf dem zweiten Bildschirm erscheint eine Nachricht. Er liest sie, antwortet kurz und schaut wieder auf die Folie. Was wollte er ändern? Er lehnt sich näher an den Bildschirm. Wenn er den ersten Satz endlich richtig hätte, würde der Rest vielleicht leichter gehen. Die Finger liegen auf der Tastatur. Im Flur schließt jemand eine Tür. David nimmt die Hände herunter und dreht den Stuhl zum Fenster. Zwischen den gegenüberliegenden Häusern ist ein Streifen Himmel zu sehen. Er sucht zunächst nach etwas, an dem der Blick hängen bleiben kann. Eine Wolke vielleicht. Aber die helle Fläche ist fast leer. Auf dem Dach gegenüber bewegt sich eine Antenne im Wind. David schaut genauer hin. Ist das eine Antenne? Oder ein dünner Ast hinter dem Haus? Er merkt, wie er sich wieder vorbeugt, und lehnt sich an die Rückenlehne. Für einen Moment lässt er die Frage offen. Neben dem Dach stehen die Zweige eines Baums. Weiter unten fährt ein Fahrrad durch die Straße. Er hört einen Motor, ohne zu sehen, woher das Geräusch kommt. Der erste Satz der Präsentation taucht wieder auf. David spricht ihn im Kopf durch. Dann fällt ihm auf, dass er schon wieder an den Wörtern zieht. Er spürt seine Hand auf der Armlehne. Der Himmel ist noch da, hinter dem Gedanken. Am Rand seines Blickfelds bewegt sich etwas Weißes. Eine Taube landet auf dem Dach, läuft zwei Schritte und verschwindet hinter dem Schornstein. David dreht den Kopf nicht hinterher. „Bist du mit dem Einstieg weiter?“, fragt seine Kollegin von der Tür. „Ich hänge gerade fest.“ Sie kommt einen Schritt näher. „Vielleicht müssen wir erst klären, für wen die Folie ist.“ David schaut zurück auf den Bildschirm. Die Sätze sind noch dieselben. Er legt die Hand auf die Maus, zieht sie aber noch nicht über den Text. „Für die Leute, die das Projekt noch gar nicht kennen“, sagt er. Dann holt er den Notizblock neben der Tastatur hervor und schreibt oben auf die leere Seite: Was müssen sie zuerst wissen?

Den Raum um die Gedanken wieder bemerken

Der Zenlehrer Shunryu Suzuki verwendet in einem Vortrag ein Bild für eine offene Haltung. Er sagt über den Himmel: „Der Himmel ist immer bereit, die Dinge in sich aufzunehmen.“ Shunryu Suzuki · Vortrag vom 13. November 1969 · Sōtō-Zen · eigene Übersetzung aus dem Englischen Suzuki spricht über den „großen Geist“ und stellt ihm ein Denken gegenüber, das fortwährend auswählt, bewertet und zurückweist. Der Himmel dient ihm als Bild für eine aufnahmebereite Haltung. Für unseren Alltag lässt sich darin eine Einladung lesen, die Wahrnehmung zeitweise weniger eng zu führen. Diese Übertragung auf Davids Fensterpause ist unsere redaktionelle Deutung: Auch die ungeklärte Frage nach der Antenne darf für einen Moment offenbleiben, während anderes wahrnehmbar wird.
Wenn mehr Konzentration den Ausschnitt immer kleiner macht David möchte einen klaren Einstieg schreiben. Also liest er genauer, vergleicht Formulierungen und konzentriert sich noch stärker auf denselben Satz. Das ist zunächst eine nachvollziehbare Arbeitsweise. Doch irgendwann verschiebt er nur noch dieselben Wörter. Die Frage, was seine Zuhörenden eigentlich brauchen, ist dabei in den Hintergrund geraten. Hier zeigt sich das menschliche Dilemma dieses Artikels: Wir suchen Klarheit, indem wir unsere Aufmerksamkeit immer enger auf ein Problem richten. Gerade wenn wir feststecken, fällt es schwer, davon abzulassen. Noch ein Versuch scheint näher an der Lösung zu liegen als ein Blick aus dem Fenster. Vielleicht kennst du dieses Drängen. Du möchtest erst fertig werden, bevor du eine Pause machst. Weil du nicht weiterkommst, verschiebst du die Pause erneut. Dabei wird die offene Aufgabe zum Maßstab des ganzen Moments: Solange sie ungelöst ist, scheint alles andere warten zu müssen. Die Bildschirmpause eröffnet die Möglichkeit, diesen Ablauf zu bemerken. Konzentriertes Denken hat weiterhin seinen Platz. Du kannst aber erkunden, wann es dir hilft und wann du dich nur noch im gleichen Ausschnitt bewegst. Bei David beginnt dieser Wechsel damit, dass er die Hände von der Tastatur nimmt.
Aufmerksamkeit darf auch offen sein Am Fenster setzt David seine gewohnte Arbeitsweise zunächst fort. Er sucht einen Gegenstand, schaut genauer hin und möchte herausfinden, was sich dort auf dem Dach bewegt. Auch die Aussicht wird kurz zu etwas, das er klären will. Dann lässt er die Frage offen. Die Zweige am Rand, das Geräusch von der Straße und seine Hand auf der Armlehne bekommen ebenfalls einen Platz. Das Prinzip, das diese Übung erforscht, lautet: Aufmerksamkeit muss sich nicht immer auf einen einzelnen Gegenstand verengen. Sie kann offen für wechselnde Eindrücke sein. Diese Praxis wird als offenes Gewahrsein oder Open Awareness bezeichnet. Der Blick in die Ferne bietet hier einen Einstieg. Die eigentliche Übung umfasst mehr als das Sehen: Du kannst wahrnehmen, was gerade auftaucht, ohne jeden Eindruck weiterzuverfolgen. Ein Geräusch darf hörbar sein, ein Gedanke auftauchen, eine Bewegung am Rand bemerkt werden. Auch Davids Satz aus der Präsentation gehört dazu. Er muss ihn weder abschalten noch zu Ende denken. Als er bemerkt, dass er wieder nach der richtigen Formulierung sucht, kann auch das Teil der Wahrnehmung werden. Seine Aufmerksamkeit bekommt erneut Kontakt mit der Hand und dem Raum vor dem Fenster. Die offene Frage der Praxis ist deshalb: Wie erlebe ich diesen Moment, wenn die Aufgabe vor mir nicht meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht? Vielleicht bemerkst du mehr von deiner Umgebung. Vielleicht bleibt das Denken zunächst laut und drängend. Auch das lässt sich kennenlernen. Die innere Qualität ist Offenheit: etwas wahrzunehmen, bevor du entscheidest, ob du dich weiter damit beschäftigen möchtest.
Mit der offenen Aufgabe wieder weitergehen Am Ende der Pause hat David noch keinen besseren ersten Satz. Erst die Frage seiner Kollegin lenkt das Gespräch auf die Menschen, für die er die Präsentation schreibt. Er greift zum Notizblock und beginnt an einer anderen Stelle. Davids nächster Ansatz entsteht im Gespräch. Die kurze Fensterpause hat die Aufgabe unterbrochen, ohne sie zu erledigen. Währenddessen konnte er erleben, dass er die Frage offenlassen und zugleich am Geschehen um ihn herum teilnehmen kann. Darin liegt eine alltagstaugliche Wahlmöglichkeit: Du kannst dich einer Aufgabe zuwenden und die Aufmerksamkeit später wieder öffnen. Weite bedeutet hier, dass neben dem Problem auch anderes erfahrbar bleibt. Wenn du anschließend zurückkehrst, darfst du prüfen, ob du weiterdenken, etwas nachfragen oder dir Unterstützung holen möchtest. So bekommt auch Verbundenheit einen konkreten Ausdruck. David sitzt in einem Raum, hört die Straße und kann seiner Kollegin sagen, dass er festhängt. Seine Arbeitswelt reicht über den Absatz hinaus, den er gerade verbessern will.
Ein Fenster für deine eigene Erfahrung Vielleicht möchtest du in einer nächsten Bildschirmpause den Blick vom Monitor lösen und durch ein Fenster oder im Freien in die weitere Umgebung schauen, ohne direkt in die Sonne zu sehen. Nimm eine bequeme Haltung ein. Du brauchst nichts Bestimmtes zu entdecken und keinen besonders weiten Ausblick zu haben. Lass für einen kurzen Moment auch das wahrnehmbar sein, was am Rand deines Blickfelds liegt oder als Geräusch bei dir ankommt. Wenn ein Gedanke an die Arbeit auftaucht, kannst du ihn bemerken, ohne ihn sofort fortzusetzen. Vielleicht geht das leicht, vielleicht zieht er dich gleich wieder mit. Sobald du es bemerkst, ist die Umgebung weiterhin da. Beende den Versuch, wann es für dich passt. Davids Notizblock liegt am Ende wieder neben der Tastatur. Die Aufgabe wartet noch, aber seine nächste Bewegung muss nicht dieselbe sein wie die vier Versuche zuvor. Auch mit einer offenen Frage darfst du einen weiteren Ausschnitt der Welt wahrnehmen. asanam · Urban Yoga |

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