Die Zwiebel ist erst halb geschnitten, als Leas Handy neben dem Brett vibriert. Eine Nachricht aus der Arbeitsgruppe. Sie liest den Anfang, schiebt mit dem Messerrücken die Würfel zusammen und schaut auf die Uhr am Herd. Viertel nach sieben.
Eigentlich wollte sie heute früher essen.
Im Kühlschrank liegen noch drei Karotten, eine angebrochene Packung Sahne und ein Stück Lauch. Suppe also. Lea nimmt das Gemüse heraus. Während sie die Karotten wäscht, hört sie einer Sprachnachricht zu. Jemand sucht einen Termin für nächste Woche. Lea geht im Kopf ihre Abende durch und stellt das Wasser ab.
Als sie nach dem Geschirrtuch greift, rollt eine Karotte vom Rand der Spüle. Sie fängt sie mit dem Unterarm auf. Für einen Moment hält sie sie dicht vor sich. An der Stelle, wo das Grün saß, steckt noch ein wenig Erde.
Lea dreht den Wasserhahn wieder auf und reibt mit dem Daumen darüber. Die Schale fühlt sich rauer an, als sie erwartet hat. In einer Rille bleibt ein dunkler Punkt. Sie holt die Bürste.
Vom Handy beginnt die nächste Nachricht. Lea hält sie an. Dann legt sie das Telefon auf die Fensterbank, wo es trocken bleibt.
Beim Schneiden hört sie, wie die Karotte unter der Klinge bricht. Die Stücke springen ein wenig auseinander. Sie schiebt sie zurück und schneidet weiter. Ein schmaler Rest bleibt am Ende übrig. Lea legt das Messer ab, nimmt das Stück und beißt hinein. Es knackt laut. Erst schmeckt es wässrig, dann süß.
In der Pfanne werden die Zwiebeln an den Rändern braun.
„Mist“, sagt sie und dreht die Hitze herunter.
Sie gibt das Gemüse dazu und rührt um. Es zischt. Mit dem warmen Dampf steigt ihr der Geruch der Zwiebeln in die Nase. Sie muss an die Küche ihres Vaters denken, an seine viel zu große Schürze und daran, wie er immer direkt aus dem Topf probiert hat.
Die Wohnungstür fällt zu. Ihr Sohn steckt den Kopf in die Küche. „Wie lange noch?“
„Eine Viertelstunde ungefähr. Kannst du schon mal zwei Schalen holen?“
Er öffnet den Schrank. „Die blauen?“
Lea nickt. Sie gießt Wasser an, legt den Deckel schräg auf und wischt die Schalenreste vom Brett. Das Handy vibriert auf der Fensterbank. Sie schaut hin und rührt noch einmal um.
Als sie später abschmeckt, fehlt Salz. Sie gibt eine Prise dazu, wartet und kostet erneut. Ihr Sohn schiebt ihr eine der blauen Schalen über die Arbeitsplatte. Lea hält die Kelle darüber. Ein Tropfen fällt auf den hellen Rand. Sie wischt ihn mit dem Daumen weg.
Eine kurze Wendung aus der japanischen Esskultur öffnet einen weiteren Blick auf diese Küchenszene. Vor einer Mahlzeit sagen viele Menschen in Japan:
„Itadakimasu.“
Japanische Wendung vor dem Essen · sinngemäß auf Deutsch: Ich nehme diese Nahrung demütig entgegen
Die Wendung bringt Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die das Essen zubereitet haben, und den Lebewesen, aus denen die Mahlzeit besteht, zum Ausdruck. Für unseren Artikel lässt sich darin eine Einladung erkennen, schon beim Kochen auf das Empfangene aufmerksam zu werden. Diese Übertragung ist unsere heutige Deutung: Leas Karotte ist etwas, das sie verarbeiten möchte, und zugleich ein Lebensmittel, dessen Beschaffenheit sie gerade erst bemerkt.
Die Mahlzeit beginnt schon am Schneidebrett
Lea möchte mit dem Kochen fertig werden. Sie hat Hunger, der Abend ist kurz, und die Nachrichten laufen weiter. Für sie ist die Küche zunächst ein Durchgangsort auf dem Weg zum Essen. Erst die Karotte, die beinahe herunterfällt, unterbricht diesen Ablauf.
Vielleicht kennst du die Hoffnung, später endlich Zeit für dich zu haben. Nach dem Kochen, nach dem Aufräumen, nach der letzten Nachricht. Manchmal ist eine zusätzliche Pause tatsächlich nötig. Zugleich kannst du erkunden, wie sich eine Tätigkeit anfühlt, die du ohnehin gerade ausführst.
Hier setzt achtsames Kochen als Urban-Yoga-Praxis an. Du wendest dich einem Ausschnitt der gegenwärtigen Erfahrung zu. Bei Lea ist es die raue Schale unter ihrem Daumen, später das Knacken beim Probieren. Für diese Momente ist sie bei dem, was ihre Hände tun. Die Mahlzeit darf weiter ein Ziel haben. Auch der Weg dorthin bekommt ihre Aufmerksamkeit.
Wertschätzung darf mit Neugier anfangen
Lea nimmt sich nicht vor, dankbar zu sein. Sie entdeckt zunächst einen Unterschied: So rau fühlt sich die Karotte an, so verändert sich ihr Geschmack beim Kauen. Aus einem Bestandteil der Suppe wird etwas, das ihre Neugier weckt.
Die innere Qualität, die hier einen Platz findet, ist Wertschätzung. Du kannst etwas genauer kennenlernen und ihm dadurch mehr Bedeutung geben. Das braucht keine außergewöhnliche Zutat. Vielleicht bemerkst du an einem vertrauten Lebensmittel eine Farbe oder einen Geruch, der dir bisher entgangen ist.
Von dort kann sich der Blick weiten. Die Karotte wurde ausgesät, ist gewachsen, wurde geerntet und bis zum Laden gebracht. Dass du sie in der Hand hältst, hat mit der Arbeit anderer Menschen und mit Bedingungen zu tun, die du selbst nicht hergestellt hast. Du könntest beim Kochen einmal einer solchen Verbindung nachgehen, etwa der Frage, wo dein Gemüse gewachsen ist.
Vielleicht entsteht dabei Dankbarkeit. Vielleicht fällt dir zuerst ein, wie teuer der Einkauf geworden ist. Beides darf vorkommen. Wertschätzung muss kein Gefühl sein, das du auf Bestellung erzeugst. Sie kann damit beginnen, etwas weniger selbstverständlich zu nehmen.
Fürsorge braucht kein perfektes Abendessen
Während Lea eine Karotte probiert, werden die Zwiebeln zu braun. Auch ein aufmerksamer Moment hebt die Anforderungen des Kochens nicht auf. Sie muss die Hitze regulieren, abschmecken und zwischendurch auf eine Frage antworten.
Achtsamkeit im Alltag kann heißen, diese Wechsel mitzubekommen. Du musst nicht jedes Geräusch und jeden Handgriff gleichermaßen beachten. Die Aufgabe vor dir gibt mit vor, was gerade Aufmerksamkeit braucht. In Leas Küche ist es bald die Pfanne, dann der Geschmack der Suppe.
Als ihr Sohn die Schalen holt, verteilt sich ein kleiner Teil der Arbeit. Auch darin kann Fürsorge liegen: Essen zubereiten und sich dabei helfen lassen. Der Abend bleibt gewöhnlich, und das Handy wird später wieder eine Rolle spielen. Für einige Minuten hat die gemeinsame Mahlzeit jedoch schon beim Zubereiten begonnen.
Vielleicht kochst du allein und bist heute zu müde, um daran Freude zu finden. Auch eine einfache Mahlzeit kann Ausdruck davon sein, dass du dich versorgst. Diese Praxis braucht weder ein aufwendiges Rezept noch die Erwartung, aus jeder Küchenarbeit einen besonderen Moment zu machen.
Eine Zutat neu kennenlernen
Vielleicht möchtest du beim nächsten Kochen eine Zutat auswählen, die dir vertraut ist. Während du sie ohnehin wäschst oder vorbereitest, könntest du für einen Moment ihre Oberfläche betrachten oder wahrnehmen, wie sie sich in deiner Hand anfühlt. Wähle dafür einen ruhigen Arbeitsschritt, bei dem du gerade nichts schneiden oder am heißen Herd beaufsichtigen musst.
Bleib bei dem Eindruck, der sich von selbst anbietet. Du brauchst nicht alle Sinne nacheinander aufzurufen. Vielleicht bleibt deine Aufmerksamkeit nur kurz dabei, bevor die nächste Aufgabe ansteht. Auch das ist eine Erfahrung.
Lea hat am Ende eine Suppe gekocht, die noch etwas Salz brauchte. In den blauen Schalen wird sie gleich auf dem Tisch stehen. Vielleicht gibt es auch in deiner Küche einen solchen kleinen Moment, in dem aus dem Erledigen ein spürbares Versorgen wird.
Wertschätzung kann dort beginnen, wo du etwas Vertrautes neu bemerkst.
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