Dein Ratgeber über Yoga

Asanam zu Besuch

Lundo – Yoga zwischen Bewegung, Bewusstsein und spiritueller Schulung

Ein persönlicher Besuch bei Heinz Grill oberhalb des Gardasees.

Schon der Anfahrt nach Lundo Selbst, hinauf auf gut 1.000 Höhenmeter ist geprägt von Nadelkurven durch die herrlichen Wälder des Hinterlandes des Gardasees. Unprätentiös, eingebunden in den dörflichen Charakter und beinahe am Ende der sich immer weiter hinaufwindenden Straße, findet sich das Lundo Haus. Das Haus empfängt einen mit einer liebevoll und mit viel handwerklichem Geschick gestalteten Inneneinrichtung. Gleichzeitig lehnt sich die Gestaltung unverkennbar an anthroposophische Formen an und lässt bereits etwas von der tiefen Verwurzelung des Lebens und Wirkens von Heinz Grill in diesem geistigen Umfeld erkennen. Über das Dorf verteilt finden sich Wohnungen, in denen Ruhesuchende bereits für etwa 25 bis 35 Euro eine Bleibe finden und ihr „Studium“, wie es hier öfter genannt wird, beginnen können. Besonders hervorzuheben sind die beiden eigenen Häuser. Die Idee des gemeinsamen Lebens und Verweilens sowie die großen, tiefen Fenster bringen architektonisch etwas von der Verbindung mit der umgebenden Natur zum Ausdruck. Wir wurden sehr herzlich empfangen und fanden eine inspirierende, offene Gemeinschaft interessierter Praktizierender vor, in der wir uns sofort wohlfühlen konnten. Dazu haben sicherlich das Haus, aber auch die unglaubliche Ruhe des Ortes ihre wohltuende Wirkung entfaltet.
Vertrautes in einer anderen Sprache Selbst vertraut mit dem Ānāpānasati Sutta, Vipassanā und buddhistischer Psychologie, entdeckte ich schnell viele Ähnlichkeiten. Vertraute Gedanken tauchten hier in einer anderen Form wieder auf und wurden auf eine interessante Weise mit der Asana-Praxis verknüpft. Genau das machte den Aufenthalt für mich spannend. Rudolf Steiner beschäftigte sich ebenfalls mit östlichen Formen geistiger Schulung und entwickelte daraus eigene Übungen innerhalb seines abendländisch-christlich geprägten Denkens. Heinz Grill wiederum verbindet diese geistige Schulung mit einer ausgeprägten Vorliebe für klare Linien, räumliche Wahrnehmung und eine reiche Bildsprache. Für mich entstand dadurch eine interessante Frage: Was geschieht, wenn Eigenschaften, die in der buddhistischen Praxis als Qualitäten des Geistes beschrieben werden, über eine konkrete Bewegung des Körpers erfahrbar werden? Die Meditation nimmt innerhalb dieses Ansatzes eine besondere Stellung ein. Auch die Asana-Praxis richtet sich nach meinem Eindruck nicht in erster Linie an Anfängerinnen und Anfänger, die lediglich eine körperliche Yogapraxis beginnen möchten. Wer dagegen einen geistigen, anthroposophisch beziehungsweise christlich-spirituell geprägten Übungsweg sucht, findet hier reichlich Material für ein vertieftes Studium.
Woher kommen diese Gedanken? In den Quelltexten des Buddhismus begegnen uns keine Körperübungen im heutigen Yoga-Sinn. Wir finden vielmehr überlieferte Techniken und Anweisungen, mit deren Hilfe Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und der Umgang mit den eigenen geistigen Prozessen geschult werden sollen. Genau hier begann für mich während des Aufenthalts eine interessante Verbindung sichtbar zu werden. Eigenschaften wie Achtsamkeit, Klarheit, Energie, Sammlung oder Vertrauen begegnen uns in unterschiedlicher Sprache auch in westlichen geistigen Übungswegen. Bei Rudolf Steiner erscheinen sie in einem anderen philosophischen Zusammenhang, bei Heinz Grill wiederum werden geistige Vorstellungen stark mit räumlichen, ästhetischen und körperlichen Erfahrungen verbunden. Und schließlich begegnen mir einige dieser Qualitäten ganz unmittelbar in meiner eigenen Yogapraxis. Eine Aufrichtung fühlt sich anders an als eine Rückbeuge. Eine horizontale Ausdehnung erzeugt eine andere Wahrnehmung als eine kraftvolle Zentrierung. Die Bewegung besitzt nicht nur eine biomechanische Funktion. Sie verändert auch, wie wir Raum, Spannung, Aufmerksamkeit und uns selbst wahrnehmen. An dieser Stelle lohnt sich deshalb ein genauerer Blick auf einige Begriffe der buddhistischen Geistesschulung: Sati – Achtsamkeit Ein Grundbegriff der buddhistischen Achtsamkeitspraxis. Sati bezeichnet die Fähigkeit, gegenwärtig und aufmerksam wahrzunehmen. Sampajañña – Klarheit / klares Verstehen Im Umfeld der Achtsamkeitspraxis beschreibt Sampajañña ein klares Verstehen dessen, was wir tun und erfahren. Atappa – Energie / Engagement Die Praxis benötigt Energie. Nicht im Sinne angestrengten Wollens, sondern als wache und engagierte Hinwendung. Hiri – innere Integrität Ein ethischer Faktor, der sich in einer heutigen Sprache vielleicht als innere Aufrichtigkeit beschreiben lässt. Ottappa – Verantwortung / Gewissen Eng mit Hiri verbunden: das Bewusstsein dafür, dass unser Handeln Folgen hat. Indriya-saṃvara – Sinnesdisziplin Die Fähigkeit, Sinneseindrücken nicht permanent und unreflektiert zu folgen. Daraus können Sammlung und Konzentration entstehen. Saddhā – Vertrauen / Zuversicht Vertrauen in die Praxis und in die Möglichkeit einer Entwicklung. Nicht notwendigerweise als blinder Glaube, sondern als Zuversicht, die einen Weg überhaupt erst begehbar macht. Drei Systeme – und doch nicht dasselbe Die Ähnlichkeiten zwischen den verschiedenen Systemen sind faszinierend. Die Unterschiede sind jedoch mindestens ebenso wichtig. Sehr vereinfacht könnte man sagen: • Vipassanā beschreibt und untersucht Qualitäten und Prozesse des Geistes. • Steiner übersetzt geistige Schulung in einen eigenen westlich-anthroposophischen Kontext. • Grill verbindet geistige Vorstellungen stärker mit Bewegung, Raum, Form und ästhetischer Gestaltung.
Diese Systeme sind nicht einfach austauschbar. Gerade deshalb finde ich den Vergleich interessant. Aus meiner eigenen Erfahrung mit Asanas lassen sich zunächst folgende Verbindungen als Arbeitshypothese formulieren:
Bewegungsrichtung Buddhistische Qualität mögliche Erfahrung Steiner Grill
Aufrichtung Sati / Sampajañña Achtsamkeit / Klarheit Gedankenkontrolle klare Linien, Idee der Form
Kraft / Mitte Atappa Energie / engagierte Kraft Willenslenkung Initiative, Führung
Weite / Horizontale Sampajañña Klarheit / Gewahrsein Gleichmut ruhige Linien
Rückbeuge / Öffnung Saddhā Vertrauen / Zuversicht Positivität Licht, Raumöffnung
Seitbeuge / Leichtigkeit Indriya-saṃvara Sammlung der Sinne Unbefangenheit Beziehung ohne Festhalten
Integration / Rhythmus Hiri / Ottappa Integrität / Verantwortung Harmonie ästhetische Komposition
Diese Tabelle ist für mich weniger eine Behauptung als eine Einladung zur Beobachtung: Kann eine Bewegungsrichtung tatsächlich eine bestimmte Qualität unserer Wahrnehmung unterstützen?
Was sagt die Wissenschaft? An dieser Stelle bleibt zunächst bewusst eine offene Frage. Denn die Ähnlichkeit verschiedener Begriffe bedeutet noch nicht, dass dieselben psychologischen oder physiologischen Prozesse stattfinden. Ebenso wenig lässt sich aus einer persönlichen Erfahrung unmittelbar eine allgemeingültige Wirkung einer Asana ableiten. Interessant wäre deshalb zu untersuchen, was wir heute aus der Forschung über Körperhaltung, Bewegung, Aufmerksamkeit, Interozeption, Meditation und die Regulation des Nervensystems wissen. Welche Veränderungen lassen sich tatsächlich beobachten? Was ist subjektive Erfahrung? Was ist kulturelle Interpretation? Und an welcher Stelle treffen sich möglicherweise jahrhundertealte Übungswege mit heutigen Erkenntnissen über Körper und Geist? Diesen Fragen möchte ich in einer weiteren Folge genauer nachgehen.

Was von diesem Besuch bleibt

Für mich lag die Qualität dieses Aufenthalts gerade nicht darin, ein weiteres geschlossenes System kennenzulernen.
Spannend war vielmehr, Bekanntes in einer anderen Sprache wiederzufinden.
Begriffe verändern sich. Philosophische Hintergründe unterscheiden sich. Aus buddhistischer Geistesschulung werden bei Steiner andere Formen innerer Übungen und bei Heinz Grill räumliche Linien, Bilder und Bewegungsqualitäten.
Und dann steht man selbst auf der Matte.
Man richtet sich auf. Öffnet den Brustkorb. Nimmt den Raum wahr. Beobachtet.
Vielleicht liegt genau darin die interessanteste Verbindung: nicht darin, dass alle Systeme dasselbe sagen, sondern darin, dass sie uns auf unterschiedliche Weise auffordern, genauer wahrzunehmen.
Die herzliche Gemeinschaft, das handwerklich gestaltete Haus und die außergewöhnliche Ruhe dieses kleinen Ortes haben dafür einen besonderen Rahmen geschaffen.
Ein Ort, an dem Yoga tatsächlich nicht nur ausgeführt, sondern erfahren werden kann.

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